Jeevan

Synopsis/Inhalt


Film von Erich Schmid und Jean-Jacques Vaucher

Schweiz, 1991, 33 Minuten

Auf dem Dorfplatz des Gemeindezentrums von Regensdorf schlägt ein Schweizer Ex-Boxchampion einen tamilischen Asylbewerber mit einem einzigen Faustschlag tot, nachdem er ihn rassistisch beschimpft hatte. Es war Sommer 1990. Der Tamile stammte aus dem srilankischen Norden. Tausende reagierten mit Trauer und Protest gegen den zunehmenden Rassismus in der Schweiz. Als die Überführung der Leiche in die Heimat an den örtlichen Kriegshandlungen scheiterte, reiste der Filmemacher Erich Schmid mit Jeevans Asche nach Sri Lanka und traf mitten im Kriegsgebiet die Mutter von Jeevan. Der Film erzählt auf dem einstigen Fluchtweg von Jeevan dessen Lebensgeschichte rückwärts, von Regensdorf bis Chavakachcheri.


Erich Schmid unterwegs in den Norden Sri Lankas, wo 1990 die letzten Kämpfe zwischen den Indian Peace Keeping Forces (IPKF) und den Tamil Tigers im Gange waren, kurz bevor sich die erfolglosen IPKF (im tamilischen Volksmund: "Indian People Killing Forces") nach erheblichen Verlusten zurückgezogen hatten.

Synopsis (ausführliche Fassung)

Jeevan

Ein Film von Erich Schmid und Jean-Jacques Vaucher
Ko-Produktion Erich Schmid, Schweizer Fernsehen und 3sat, 1991
Ausgangsmaterial: Beta-SP und Video Hi-8, 33 Min.
Sendematerial: Beta-SP

Jeevan war ein tamilischer Asylbewerber, der im Sommer 1990 auf dem Dorfplatz von Regensdorf im Kanton Zürich einer rassistischen Attacke zum Opfer fiel. Der Täter war einmal ein Schweizer Boxchampion gewesen. Er hatte den schmächtigen Tamilen, der tags darauf im Spital starb, mit einem einzigen Faustschlag niedergestreckt.

Der Ex-Boxer trat aus dem Restaurant auf den Dorfplatz hinaus und urinierte kurzerhand in eine Blumenkiste. Ein paar einheimische Jugendliche, die auf dem Dorfbrunnen sassen, lachten. Da schritt der Täter in ihre Richtung, ging jedoch an denjenigen, die gelacht hatten, vorbei, als er auf den anderen Seite des Brunnens den dunkelhäutigen Tamilen sah, und schlug zu.

Es war in der Zeit, in der die ganze Schweiz von ihrer 700-Jahrfeier redete, die im folgenden Jahr stattfinden sollte. Es war die Zeit, in der das Land und seine Behörden desto kräftiger patriotische Gefühle schürten, je mehr intellektuelle Zweifel aufgekommen waren („Kulturboykott“), ob man wegen eines Bundesbriefes von 1291, der drei eidgenössische Orte vereinigte, die Gründung der Eidgenossenschaft überhaupt feiern dürfe, da der demokratische Bundesstaat, unter dem man heute die Eidgenossenschaft versteht, erst 1948 entstanden war. Es war auch die Zeit, als sich die Rechtspopulisten in der neuen Schweizerischen Volkspartei SVP, die inzwischen zur stärksten politischen Kraft angewachsen ist, zu sammeln begannen und den allerorten zelebrierten Patriotismus mit viel Geld und PR geschickt in einen Nationalismus umfunktionierten. Und es war die Zeit, als es in der Geschichte der Schweiz am meisten rassistische Attentate, zahllose Brandanschläge und Schüsse auf Asylzentren und andere Flüchtlingseinrichtungen gab. 

Interview mit Karuna

1990, Batticaloa: Erich Schmid interviewt den LTTE-Leader Karuna.
Er war die Nummer 2 und Leibwächter von LTTE-Kommandant Velupillai Prabhakaran. Im Interview forderte er die tamilischen Flüchtlinge im Exil auf, ins separatistische "Tamil Eelam - our Homeland" zurückzukehren und gegen die srilankische Regierung zu kämpfen.
Karuna wechselte 2004 die Seiten, kollaborierte mit der Regierungsarmee und war massgebend an der Niederlage der LTTE im Mai 2009 beteiligt. Beim letzten Gefecht töteten die Regierungstruppen rund 40'000 unbeteiligte Zivilpersonen, die unweit vom Ort des Interviews auf einer Halbinsel zusammengetrieben und zusammengeschossen wurden. Dieses Kriegsverbrechen blieb bis heute ungesühnt, obschon es rund fünf mal grösser war als dasjenige von Srebrenica.

Zufall? – Eine wissenschaftliche Studie des Nationalfonds wies 20 Jahre später nach, dass es zwischen Nationalismus, Rechtsextremismus und Rassismus innere Zusammenhänge gibt, die sich gegenseitig bedingen.

Jeevan, das Todesopfer aus Regendorf, stammte aus dem Norden Sri Lankas, wo damals ein blutiger Bürgerkrieg im Gange war, der bis zu seinem Ende Anfang 2009 über 100‘000 Menschenleben kostete. Bombardierungen und Kampfhandlungen zwischen den Tamil Tigers und den Regierungstruppen verhinderten im Jahr 1990 die Überführung von Jeevans Leichnam in den Norden Sri Lankas.

Es war die Zeit, als das Eidgenössische Bundesamt für Flüchtlinge BFF (heute BfM) in seinen Asylentscheiden festhielt: „Die Rückkehr von Tamilen nach Sri Lanka ist zumutbar.“ Was man damals behördlicherseits den Lebenden zumutete, war jedoch nicht einmal für einen Toten möglich, denn auch den Schweizer Landesbehörden war es nicht gelungen, Jeevans Leiche den Verwandten zurückzubringen. Man musste ihn in der Schweiz kremieren.

Ende 1990 fragte mich das Hilfswerk HEKS an, ob ich bereit wäre, die Urne von Jeevan den Verwandten nach Hause zu bringen, nachdem ich schon einmal einen Film und einige Fernsehbeiträge über die Kriegssituation im srilankischen Norden gemacht hatte.

Inzwischen trat auch der tamilische Kulturverein, der die meisten Tamilen in der Schweiz repräsentierte, an mich heran, wie die Tamilen selbst auf die rassistischen Attentate reagieren sollten. Nebst Jeevan waren bei einer Brandstiftung in Chur, deren Täter nie gefasst wurden, vier weitere Tamilen ums Leben gekommen. Ich riet ihnen zu einem Sit-In auf dem Münsterhof bei der Fraumünsterkirche in Zürich und besorgte eine Bewilligung. Die Tamilen organisierten einen dreitägigen Hungerstreik auf dem Münsterhof. Parallel dazu organisierten wir eine Grossdemonstration mit über 2‘000 Teilnehmenden, die bei den Tamilen rund 9‘000 Franken für die Hinterbliebenen von Jeevan hinterlegten.

Ende 1990 reiste ich mit der Summe, die in Colombo umgewechselt eine Plastiktasche voll Rupien ergab, und der Urne von Jeevan in den Norden Sri Lankas. Mitten im Kriegsgebiet, in Chavakachcheri, auf der Halbinsel Jaffna traf ich die Mutter von Jeevan.

Ich hatte eine Kamera dabei und erzählte auf Jeevans einstigem Fluchtweg von Chavakachcheri bis nach Regensdorf seine Lebensgeschichte rückwärts sozusagen mit dem Tod im Gepäck.

Erich Schmid

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