Klaus Rózsa verdient Wiedergutmachung! 

Staatenlos – Klaus Rózsa, Fotograf

Pressestimmen


«Aufwühlendes, einfühlendes Filmdokument»

Erich Schmid legt mit "Staatenlos" ein aufwühlendes, einfühlendes Filmdokument vor über einen kämpferischen Menschen, der sich gegen staatliches Unrecht zeitlebens eingesetzt hat. Der Film zeigt auch schonungslos auf, dass selbst das Rechtssystem in der vermeintlich so sauberen Schweiz durchaus Züge von Terror aufweisen kann, wenn es darauf ankommt.
Andreas Faessler, Zuger Zeitung, 7. Juni 2017, S. 10, Kultur ( Ganzer Artikel als PNG)

«Zuerst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen»

1. Staatenlos – Klaus Rózsa, Fotograf von Erich Schmid. Rechtsstaat ist relativ. Auch und gerade in der Schweiz. Das zeigt dieser sorgfältige Dokumentarfilm über den unbequemen jugendbewegten Zürcher Fotografen mit ungarischen Wurzeln, dem die Einbürgerung aus politischen Gründen immer wieder verweigert wurde.
Michael Sennhauser in seinem Filmblog

«Die Bilder sagen mehr als tausend Worte: persönlich, aber nie sentimental»

«Staatenlos ist das berührende, hintergründige Porträt eines Mannes sowie der frühen 80er-Jahre in Zürich. Nachgestellte Szenen und beklemmende Zeitdokumente sagen mehr als tausend Worte. Aber Staatenlos ist mehr als die informative Chronik der ‹Opernhauskrawalle›. Auf persönliche, aber nie zu sentimentale Weise wird hier auch ein ein Heimatloser auf Lebenszeit porträtiert. Eine der bewegendsten Szenen zeigt nicht Klaus Rósza, sondern seinen Vater in einem Interview über seine Zeit in Auschwitz.»
cineman.ch, Filmkritik: Björn Schneider    ★★★★★


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Zürichsee Zeitung, 29. April 2017, Andrea Baumann
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«Klaus Rózsa, Staatenlos»

Interview von Mattia Lento mit Klaus Rózsa.
www.filmexplorer.ch

«Einer der besten Pressefotografen der letzten 40 Jahre»

«Staatenlos vermittelteinenbeeindruckenden Rückblickaufeine gar nicht so
langzurückliegende Zeit, in der das heuteabgesehen von 1.-Mai-Demos und
Hooligan-Sausenunglaublich geruhsameZürich eine bewegte Stadt im Umbruch war.»
Irene Genhart, Zürcher Oberländer, 27. Januar 2017 (PDF)

«Portrait eines engagierten Zeitgenossen»

Anfang 1980 kam es in Zürich zu heftigen Krawallen. Im Mittelpunkt stand der Kampf um ein autonomes Jugenzentrum, das AJZ. Der Fotograf Klaus Rózsa wurde beim Dokumentieren der Bewegung mehrmals verhaftet und von Polizisten zusammengeschlagen.
A-Bulletin Nr. 785, 27. April 2017  (Ganzer Artikel als PDF 4.3 MB)


Faksimile NZZ

«Ein sehenswertes Lehrstück über einen Kämpfer»

«Konzentriert entfaltet der Regisseur die Psychologie eines Kämpfers. Dieser Film ist daher nicht als ein Angriff auf die Schweiz oder Zürich zu verstehen, sondern als ein sehenswertes Lehrstück über die Tragfähigkeit, Fehlbarkeit und Belastbarkeit des Rechtsstaats.»
Björn Hayer, Neue Zürcher Zeitung 7.4.17. Ganzer Artikel…

«Ein fesselnder, beklemmender, eindrücklicher Film»

Radio SRF, 6.4.2017, Filmkritik von Hannes Nüsseler in «Kultur kompakt»

«Unser Kinoexperte Alex Oberholzer gibt 4 von 5 Sternen»

Radio 24, Kinotipp. Website

«Eine Geschichte, wie es keine zweite gibt»

«Der Regisseur Erich Schmid, der schon in mehreren Filmen einen kritischen Blick auf die schweizerische Geschichte geworfen hat, zeigt in seinem neuen Film Staatenlos über Klaus Rózsa zwar die Geschichte eines einzelnen Fotografen, wie es keine zweite gibt, aber zugleich ein Kapitel jüngere Zeitgeschichte.»
Michael Felix Grieder, Saiten, 5.4.2017. Ganzer Artikel…

«Ein spannendes Porträt weit übers Biographische hinaus»

«Rózsas Lebensgeschichte erzählt der Zürcher Filmer Erich Schmid (‹Meier 19›, ‹Max Bill, das absolute Augenmass›) in seinem neuen Werk. Auch weil Rózsa ein Flüchtling aus Ungarn ist und sein jüdischer Vater Auschwitz überlebte, ergibt sich ein spannendes Portrait, das weit übers Biographische hinaus in die Zeitgeschichte ausgreift.»
work/wissen, S.11, 13. April 2017. PDF

«Spannend und berührend»

seniorweb.ch, Eva Caflisch, 8.4.2017. Ganzer Artikel…

«Mit Staatenlos hat Erich Schmid ein brennendes Zeitdokument geschaffen.»

Weltwoche 6.4.2017. Ganzer Artikel…

«Gelungen erzählt: plastisch, gut strukturiert und nachvollziehbar»

«Ein Leben in knapp anderthalb Stunden zu erzählen – Erich Schmid gelingt der Spagat. Das Porträt ist plastisch, gut strukturiert und nachvollziehbar. (…) Erich Schmid zeichnet den Weg eines Mannes als Wanderer zwischen den Welten, auch in seiner Gefühlswelt zwischen Verletzlichkeit und Gerechtigkeitssinn, mit sehr viel Wärme und Einfühlsamkeit nach. Dass die Kontroverse bis heute nicht ruht, mag der Umstand illustrieren, dass der ehemalige Stadtpräsident Josef Estermann, dessen Haltung 1992 zur Ablehnung von Rózsas Einbürgerungsgesuch führte, Szenen welche ihn zeigen sollten, gerichtlich verbieten liess. Als der Abspann lief, bekundete das Publikum durch langanhaltenden Applaus.»
European News Agency, Tamás György Morvay, 6.4.2017. Ganzer Artikel…

Fasziniert, wütend, deprimiert, belustigt

Das Leben der Familie Rózsas, die Geschichte der Juden in Ungarn, Rózas Leben, die Zürcher Bewegungs-Geschichte von «Bunker» bis Hardturmstadion-Besetzung.
Medienmagazin Edito, Bettina Büsser.   Ganzer Artikel...

«Zeitdokument für mehr Gerechtigkeit»

Fernsehen SRF, 6.4.2017. Bericht über die Premierenfeier von «Staatenlos» in Zürich

«Man staunte als Spätgeborener»

…wie viele Rückschläge, erlitte­nes Unrecht und wiederholte von Amts wegen
forcierte juristische Leerläufe ein Mensch ertragen kann.
P.S. Zeitung, Thierry Frochaux, 7.4.2017. Ganzer Artikel

«Intimer Blick auf eine engagierte Persönlichkeit»

Keine Gegenstimme (ausser den Ausschnitten aus internen
Filmen der Stadtpolizei Zürich, Anm.) ist nicht dem Filmkonzept anzulasten:
Der ehemalige Stadtpräsident Josef Estermann liess ein Interview mit ihm
gerichtlich verbieten.
Programm Zeitung Basel, Nicole Gisler, 1.4.2017. Ganzer Artikel


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«Sie haben mich hinausgeprügelt»

Matthias Scharrer, Aargauer Zeitung / Zürcher Unterländer 29. März 2017

Klaus Rózsa Der Fotograf dokumentierte jahrelang Polizeigewalt – und erlitt sie
Klaus Rózsa liess sich nicht unterkriegen. Der Zürcher Fotograf mit ungarischen Wurzeln war seit der Anti-AKW-Bewegung der 1970er- und den Zürcher Jugendunruhen Anfang der 1980er-Jahre bei unzähligen Demonstrationen zuvorderst dabei. Mit seiner Kamera dokumentierte er die Protestbewegungen. Manchmal griff er auch zum Megafon, war häufig Demo- Teilnehmer und -Beobachter in einem. Der Fotograf richtete den Fokus oft auf die Polizei, hielt dabei auch Übergriffe fest, Fusstritte, Schläge, Gummischrotund Tränengassalven – und geriet so selbst ins Visier der Stadtpolizei Zürich.

Infolge von Ereignissen in den 1980er-Jahren – einmal war es der Abbruch des Autonomen Jugendzentrums 1982, einmal eine Wohnungsnot-Demo 1989 – wurden zweimal Zürcher Stadtpolizisten verurteilt, weil sie den Fotografen Rózsa verprügelt hatten. 2008 hatte er sich eigentlich ins Privatleben zurückgezogen, war mit seiner Frau nach Budapest gezogen und in Zürich nur zu Besuch. Doch auf dem Weg zu einer privaten Einladung wurde er zufällig Zeuge eines Polizeieinsatzes beim damals kurzfristig besetzten Hardturmstadion. Er fotografierte aus der Distanz. «Rózsa, hier wird nicht fotografiert», hörte Rózsa einen Polizisten rufen; sie gingen auf ihn los, einer habe ihn gewürgt, indem er ihm den Ellbogen auf den Hals drückte; Rózsas Frau fotografierte die Szenen. Szenen aus dem Leben «Ich hatte Todesangst», sagt Rózsa beim gestrigen Mittagessen. Neben ihm sitzt Erich Schmid. Der Autor und Filmer hat unter dem Titel «Staatenlos» einen Film über Rózsas Leben gedreht, der jetzt in die Kinos kommt. Nach dem Vorfall beim Hardturmstadion blieb Rózsa längere Zeit in Budapest. «Sie haben mich hinausgeprügelt», sagt er. Während er frühere Gewalterfahrungen mit der Polizei relativ gut habe wegstecken können, hinterliess diese Spuren: «Ich war traumatisiert und musste in Therapie.»

Dass etwas Rózsa verändert hatte, bemerkte auch sein Freund Erich Schmid: Bei einem gemeinsamen Essen im Volkshaus in Zürich zuckte Rózsa zusammen, als draussen ein Krankenwagen mit Alarmsirene vorbeifuhr. «Das war eigentlich der Ursprung dieses Films», sagt Schmid.

Im Film spricht er weitere Ereignisse an, die Rózsas Leben prägten: So traf bei der Niederschlagung des ungarischen Volksaufstands durch sowjetische Truppen 1956 eine Granate das Budapester Haus, in dem Rózsas wohnten. Zu Fuss ergriff seine Familie die Flucht nach Westen. Seine Mutter trug ihn die meiste Zeit, weil er sonst immer geschrien habe. Die Rózsas landeten in der Schweiz und blieben in Zürich. Eine befreundete Familie, die dort eine koschere Metzgerei betrieb, gewährte den Rózsas Unterschlupf. Sie lebten alle in einem Zimmer. Um sich zu waschen, gingen sie täglich ins nahe Volkshaus.

Zu Wort kommen auch Zeitzeugen wie der Anwalt Franz Schumacher, der Rózsa in vielen Rechtsfällen vertrat. Er formuliert die These, wonach Klaus Rózsas tatkräftiger Widerstand gegen überharte Staatsgewalt auch damit zu erklären sei, dass sein Vater ein Überlebender des Konzentrationslagers Auschwitz war: «Der totalitäre Teil des Staates, den jeder Staat ein Stück weit in sich hat, machte ihn rasend», sagt Schumacher.

Eine Art offene Rechnung

Doch Schmid will mit seinem Film über Klaus Rózsa nicht primär dessen Erfahrungen mit Polizeigewalt thematisieren. Damit hätten sich Gerichte schon zu Genüge befasst. Ihm geht es um eine Art offene Rechnung, die Rózsa noch mit der Stadt Zürich habe, weil diese seine Einbürgerungsgesuche aus fadenscheinigen Gründen dreimal ablehnte. Zuletzt 1991. Als Grund für die Ablehnung des dritten Einbürgerungsgesuchs sei eine angebliche Steuerschuld Rózsas vorgeschoben worden; dabei habe es sich jedoch nur um eine vorläufige Steuereinschätzung gehandelt.


Ein Fotograf im Fadenkreuz der Polizei

Tagblatt der Stadt Zürich, Isabella Seemann

«Hält Übergrife der Polizei in allen Einzelheiten fest und behindert dadurch die Arbeit der Polizei », ist in einer Akte von 1980 vermerkt. Rund 3500 maschinengeschriebene A4-Blätter sowie zahllose handgeschriebene Notizen umfasst die Fiche, die Stadtund Kantonspolizei Zürich zwischen 1971 und 1989 unter der Nummer 31/553 anfertigten. Die Chifre 31 verweist auf Aktivität in der «Neuen Linken», 553 steht für den Namen Miklós Klaus Rózsa.

Als Zürichs Jugend für mehr Freiraum kämpfte, grif er zum Megafon und dokumentierte gleichzeitig mit der Kamera – «neuerdings mit Presseausweis!», wie ein Überwacher am 9. August 1972 notierte – die Auseinandersetzungen auf der Strasse. Viele Jahre darüber hinaus hielt der freie Journalist und Pressefotograf Momente der staatlichen Gewalt gegenüber Bürgern fest. Wiederholt wurde er selber von Polizisten inhaftiert, misshandelt und an der Ausführung seiner Tätigkeit gehindert. Die Fichierung blieb nicht ohne Folgen: Rózsa, der 1956 nach dem ungarischen Volksaufstand im Alter von zwei Jahren mit seinen Eltern als Flüchtling in die Schweiz gekommen war, wurde dreimal die Einbürgerung verweigert. Der letzte Ablehnungsantrag wurde von seinem Parteigenossen Josef Estermann, dem damaligen Stadtpräsidenten, unterschrieben.

So lebte Rózsa 44 Jahre als Staatenloser in der Schweiz, aus der SP trat der ehemalige Gewerkschaftspräsident aus. Mundtot liess er sich nie machen, seine Erziehung war geprägt von seinem jüdischen Vater, der als Zwangsarbeiter nach Auschwitz deportiert wurde. Am 24. Dezember 2000 wurde Rózsa schliesslich doch noch eingebürgert. Heute pendelt er zwischen Zürich und Budapest.


In der Geschichte Europas und Zürich ist der Film unverzichtbar

Watson Schweiz - BEST OF WATSON, Simone Meier

«Erich Schmid schafft es, dass Klaus Rózsa im Film zum stringenten und objektiven Erzähler seines verrückten Lebens wird. Man hört ihm gerne zu, wenn er von den Jugendunruhen der 80er-Jahre erzählt. Vom brutalen Kampf ums Autonome Jugendzentrum AJZ an der Limmatstrasse neben dem Carparkplatz, den Zürichs Jugend schliesslich verlor, aus dem aber das Kulturzentrum Kanzlei samt Kino Xenix, die Rote Fabrik, der Jazzclub Moods, das Theaterspektakel und die Wochenzeitung WoZ hervorgingen. Der Kampf damals war existenziell. Rózsa erzählt, wie sich die 23-jährige Silvia Z. 1980 aus Protest am Bellevue mit Benzin übergoss, sich in Brand steckte und qualvoll starb. Tag für Tag entfernte die Polizei die Kerzen der Trauernden. Es geht ans Herz. (…) Denn als Dokumentation über einen unbeugsamen Widerspenstigen mitten in der Geschichte Europas und Zürichs ist der Film unverzichtbar.»


Klaus Rózsa: Fotograf im Fadenkreuz

SRF, Stefan Gubser, 24.1.2017 / PDF

Er schiesst die besten Fotos der Zürcher Jugendunruhen – und wird zur Zielscheibe der Polizei. «Staatenlos – Klaus Rózsa, Fotograf»: das bewegende Porträt eines Bewegten.
Klaus Rózsas Vermächtnis: Es wird das fotografische Gedächtnis jener berühmt-berüchtigten Jugendunruhen sein, die das Zürich der frühen 1980er-Jahre prägten.

Wut im Bauch

Klaus Rózsa: Das war so einer, den die Justiz früh in die unterste Büroschublade der Unbequemen und Unbeugsamen steckte. Ein stadtbekanntes Charaktergesicht der sogenannten «Bewegung», die er akribisch mit seiner Kamera dokumentierte. Und mit einer Riesenwut im Bauch.
Die Folgen sind Schikanen, Schmerzen und viel «Staatsschutz». Rózsa wird wiederholt zum Opfer von Polizeigewalt – und seine Fiche 3200 Seiten dick. Heute ist sie ein preisgekröntes Prachtsexemplar der neueren Zürcher Buchmacherkunst.

Volltreffer

In «Staatenlos - Klaus Rózsa, Fotograf» porträtiert nun Erich Schmid («Meier 19») den formidablen Fotografen, der immer auch ein Aktivist war. Und erst noch Ausländer und Jude.
Mit der Kamera – durchaus mal mit dem Megaphon: Rózsa stand in der ersten Reihe, wenn die Zürcher Jugend einen freien Raum für ihren kulturellen Freiraum verlangte. AJZ statt Opernhaus!
Die Kollegen sollen ihn gemieden haben, wenn die Lage wieder eskalierte. Denn bei Rózsa, so munkelte man, landen die Gummigeschosse. Und zwar mit Absicht.

«Filmische Umarmung»

Regisseur Schmid und Rebell Rózsa verbindet eine jahrelange Freundschaft. Schmid nennt seinen Dokumentarfilm denn auch eine «filmische Umarmung» – und lässt die nötige Distanz trotzdem nicht vermissen, die auch ein persönliches Porträt braucht.
Filme über Fotografen sind meist deshalb sehenswert, weil sie von ihrem starken Standbildmaterial leben. Dass Erich Schmid den Aufwand nicht scheute, lange Briefe zu schreiben, um an die Bildarchive der Zürcher Polizei zu kommen, macht «Staatenlos» noch reizvoller.

Schauen und Schaudern

Leider ja: Dem Film fehlen die Gegenstimmen des politischen Establishments, an dem Klaus Rózsa sich noch heute abarbeitet.
Esther Maurer, Josef Estermann, und Robert Neukomm – drei gewesene Mitglieder der Zürcher Stadtregierung: Im Abspann werden sie als «Nichtauftretende» aufgeführt. Offenbar mochte niemand vor der Kamera erklären, warum Rózsa gleich dreimal die Schweizer Staatsbürgerschaft verweigert wurde.
Erich Schmid ist nah dran an Rózsa – nicht nur auf dem Beifahrersitz von dessen Kleinwagen. Gemeinsam fahren sie an die Schau- und Schauderplätze von Zürich und Budapest, Rózsas Geburtsstadt, die er mit zwei verlassen musste. Fluchtartig.

Tränen und Trauma

Erlebte Geschichte, erlittene Geschichten: Man steht gemeinsam im Luftschutzkeller, die den Geschwistern der Mutter zur tödlichen Falle wurde.
Man findet die Einschusslöcher in der Hauswand des Geburtshauses. Man erinnert an den Horror Holocaust, der fast die ganze Familie auslöschte. Rózsas Vater hatte Auschwitz überlebt.
Es mutet als fast zynische Pointe der Geschichte an, dass Rózsa im höheren Alter in die Heimatstadt seiner Eltern zurückzieht. Im politisch ultrarechten Orbán-Ungarn fühlt er sich freier als in der Schweiz. Hier hat man ihm nicht vergessen, dass er angeblich andere mit der Kamera behindere. Nämlich die Polizei bei der Arbeit.

Das Déja-vu

Rózsas Anwalt hat wohl recht, wenn er sagt: Der Fall seines Klienten vermittle eine Ahnung davon, wie wenig der Schweiz vor 30 Jahren zu einem Polizeistaat gefehlt habe.
Dass sein Klient noch Ende der Nullerjahre von der Polizei zusammengeschlagen wird, die er bei einem Zusammenstoss mit der Zürcher Besetzerszene fotografiert: Es macht diesen berührenden Dokumentarfilm auch zum Mahnmal für unsere Gegenwart.

Quelle: www.srf.ch


Staatenlos – Klaus Rózsa

Simon Meier, Jahrbuch Cinema #62.

1956 flüchtet der zweijährige, spätere ungarische Fotograf und Politaktivist Klaus Rózsa mit seiner Familie vor dem Einmarsch der sowjetischen Armee in die Schweiz. Als Sohn eines KZ-Überlebenden ist Rózsa schon früh für gesellschaftliche Ungerechtigkeiten sensibilisiert und hält sie mit seiner Kamera fest. Als Dokumentarist der Zürcher Jugendunruhen, der auch Polizeiübergriffe ungeschminkt wiedergibt, wird er schon bald zur Zielscheibe des Staatsschutzes, der ihn fichiert und misshandelt. Drei Einbürgerungsanträge werden aus politischen Gründen abgelehnt, weshalb Rózsa über Jahrzehnte staatenlos in Zürich lebt. 2008 emigriert er zurück nach Ungarn.

Schmid erzählt in seinem neusten Dokumentarfilm mittels der Begehung von Schauplätzen, Archivaufnahmen, Interviews mit Freunden und Zeitgenossen, Rózsas Fotografien und Nachstellungen die bewegte Lebensgeschichte von Rózsa und seiner Familie, wobei dieser selber als Erzähler auftritt. Schon in der Primarschule in Zürich muss er als ungarischer Jude antisemitische Schikanen durch Mitschüler und eine Lehrperson über sich ergehen lassen. Im Internat für ungarische Flüchtlingskinder wird er zudem brutal gezüchtigt. Nach dem frühen Tod seiner Mutter zieht er als 16-Jähriger in das damalige Autonome Jugendzentrum (AJZ) in Zürich und wird politisiert. Anders als damalige Dokumentationen wie Krawall (CH 1970) oder Züri Brännt (CH 1981), welche mit politischer Agitation operierten, legt Schmid nun den Fokus auf die massive behördliche Gewalt, die Rózsa als Fotograf von polizeilichen Übergriffen besonders zu spüren bekommt. Als er 1982 den Abbruch des AJZ dokumentiert, wird er von Polizisten verfolgt und in den Kopf getreten. In einem der präsentierten Polizei-Schulungsfilme, welche die damalige behördliche Sicht wiedergeben, wird das Fotografieren von Polizeieinsätzen als bewusste Verwirrungs- und Störtaktik der Beamten identifiziert. Vor Gericht werden dann fast auch alle Klagen Rózsas mit der Begründung der Behinderung von Polizeiarbeit abgelehnt.

Die Perspektive der bürgerlichen und polizeilichen Gegenseite kommt im Film fast nicht vor. Dies erklärt Schmid etwa damit, dass die damaligen Polizeivorsteher Interviews abgelehnt hätten. Der ehemalige Zürcher Stadtpräsident Josef Estermann, der bei der Ablehnung von Rózsas drittem Einbürgerungsgesuches 1991 federführend war, lässt ein bereits aufgenommenes Interview gar gerichtlich zensurieren.

Schmid, selber ein langjähriger Freund von Rózsa, gelingt das sehr persönliche Porträt eines engagierten Fotografen und Politaktivisten, dessen Aufzeigen von staatlichen, politisch motivierten Repressalien und Einschränkungen der Medienfreiheit nachdenklich stimmt.


Solothurner Filmtage: Der Fotograf Klaus Rózsa

Tachles, 27.1.17

An den diesjährigen Solothurner Filmtagen wurde der Dokumentarfilm «Staatenlos – Klaus Rózsa, Fotograf» von Erich Schmid gezeigt. Schmid, bekannt unter anderem durch «Meier 19», porträtiert darin einen Fotografen, dessen Bilder von den Zürcher Jugendunruhen der frühen 1980er-Jahre landesweit bekannt wurden. Rózsa war jedoch nicht nur Dokumentator, sondern verstand sich selbst als Aktivist und wurde vom Schweizer Staatsschutz entsprechend behandelt. Dem 1956 aus Ungarn geflohenen Rózsa, Sohn eines Holocaust-Überlebenden, wurde dreimal das Schweizer Einbürgerungsgesuch abgelehnt, als Fotograf wurde er mehrfach Opfer von Polizeigewalt, die über ihn angelegte Fiche umfasste mehr als 3200 Seiten. Schmid, den eine langjährige Freundschaft mit Rózsa verbindet, zeigt in seinem Film beeindruckendes Bildmaterial aus einer Zeit, in der die Schweiz beinahe Formen eines Polizeistaats annahm.


Der Film, der SP-Politiker zum Schweigen bringt

Martin Sturzenegger, Tages-Anzeiger, 30.9.2015, Frontseite(e-paper) und Seite 19 (online)

Der Film «Staatenlos» über den Linksaktivisten Klaus Rózsa nimmt prominente Zürcher SP-Politiker ins Visier. Alt-Stadtpräsident Josef Estermann intervenierte erfolgreich.

Beim Filmabspann begeben sich die meisten Zuschauer in Richtung Kinoausgang. Namenlisten scheinen die wenigsten zu interessieren. Beim Film «Staatenlos», der am Freitag zum zweiten Mal am Zürcher Filmfestival läuft, lohnt es sich jedoch, ein wenig länger sitzen zu bleiben.

Grund ist die Liste der «Nichtmitwirkenden». Sie umfasst im Beitrag des Zürcher Dokumentarfilmers Erich Schmid fast so viele Namen wie die Aufzählung der Protagonisten, die tatsächlich auftraten. Die Abwesenheitsliste ist mit prominenten Namen bestückt: Die Alt-Stadträte Esther Maurer (SP) und Robert Neukomm (SP) figurieren darauf, ebenso der ehemalige Stadtpräsident Josef Estermann (SP). Sie alle hatten den Auftritt im Film verweigert, teils unter gerichtlicher Androhung.

Die Unlust an filmischer Partizipation gründet auf einem bestimmten Namen: Klaus Rózsa – Politaktivist, Fotograf und Hauptfigur der Dokumentation. Während Jahrzehnten dokumentierte der Sohn eines ungarischen Flüchtlings die Zürcher Jugendunruhen. Seine Bilder liessen die Polizei in einem wenig schmeichelhaften Licht erscheinen. Eines seiner Fotos zeigt prügelnde Sicherheitskräfte und erlangte internationale Bekanntheit.

Als Observant der polizeilichen Aktivität war Rózsa den Behörden während Jahrzehnten ein Dorn im Aug: Er behindere die Arbeit der Polizei, weil er deren Übergriffe fotografiere, heisst es in den Staatsschutzakten. Mehrfach wurde er verhaftet, es kam zu physischer Gewalt. Seine Fiche umfasst rekordverdächtige 4000 Seiten.


Nansen-Pass für
Staatenlose
vergrössern…

Erfolglos blieben zunächst seine Einbürgerungsversuche: Dreimal wurde ihm der rote Pass verwehrt, bis es im Jahr 2000 – nach der Heirat mit einer Schweizerin und einigen zusätzlichen Mühen – doch noch klappen sollte. Weil ihm nach der Flucht aus seiner Heimatstadt Budapest im Jahr 1956 der ungarische Pass entzogen worden war, blieb Rózsa während Jahrzehnten staatenlos. Ein Zustand, der gegen die allgemeine Erklärung der Menschenrechte verstösst. Dort heisst es in Artikel 15: «Jeder hat das Recht auf eine Staatsangehörigkeit.»

Absage vom Parteigenossen
Besonders brisant erscheint das dritte abgelehnte Einbürgerungsgesuch zu Beginn der 90er-Jahre. In einem Schreiben des Stadtrats wird dem Gemeinderat beantragt, das Bürgerrechtsgesuch von Rózsa abzulehnen. Unterschrieben wurde das Dokument vom damaligen Stadtpräsidenten, dem Sozialdemokraten Josef Estermann. «Ich war geschockt, dass ein Parteigenosse diesen Antrag unterschreibt», sagt Rózsa, der damals ebenfalls SP-Mitglied war. Darüber hinaus basierte der Nichteinbürgerungsantrag auf einem Irrtum: Der staatenlose Gesuchssteller wurde fälschlicherweise als Ungar aufgeführt.

Regisseur Schmid wollte, dass Estermann im Film zu den damaligen Vorkommnissen Stellung nimmt. Der ehemalige Stadtpräsident willigte ein, womit es im September 2013 zu einem Treffen im Zürcher Stadthaus kam. Estermann wurde rasch wütend, weil Rózsa – ganz zur Überraschung des Ex-Stadtpräsidenten – ebenfalls zum Gespräch erschien. Darauf bemühte sich Estermann erfolgreich, das Interview zurückzuziehen.

Aus den Gerichtsunterlagen, die Tagesanzeiger.ch/Newsnet vorliegen, geht hervor, dass der Ex-Stadtpräsident zunächst per einstweiliger Verfügung und unter Androhung einer Geldstrafe von 10'000 Franken die Aufnahmen sperren liess. Als Regisseur Schmid nicht auf die Verfügung einsteigen wollte, verklagte Estermann dessen Produktionsfirma wegen Persönlichkeitsverletzung. Darauf zog Schmid die Aufnahmen zurück, weil das Gericht durchblicken liess, dass es die Klage gutheissen würde.

Schmid vermutet, dass sich Estermann um seine Ehre sorgt: «Er hat wohl realisiert, dass sein Nichteinbürgerungsantrag ein politischer Fehler war.» Danach habe man Estermann angeboten, das Interview zu wiederholen, was dieser jedoch abgelehnt habe. «Zumindest können wir heute belegen, dass wir uns ausreichend bemüht hatten, die ‹Gegenseite› von Klaus zu Wort kommen zu lassen», sagt Schmid.

«Intimfeind» oder Parteigenosse?
Estermann widerspricht: «Schmid konstruiert seine eigene Geschichte, die nicht auf Fakten beruht», sagt der Alt-Stadtpräsident zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Im Vorgespräch habe der Regisseur seine wahren Absichten vertuscht. Zudem habe er es abgelehnt, sich zur Einbürgerungsgeschichte zu äussern. «Sie war mir auch gar nicht mehr gegenwärtig. Deshalb einigten wir uns, dass ich zu den politischen Diskussionen um die Einbürgerungen Anfang der 90er-Jahre befragt werde», sagt Estermann. Stattdessen sei dann Rózsa das Thema gewesen. Schmid lässt dies nicht gelten. Er habe ihm von Anfang an gesagt, dass er einen Film über Rózsa mache.

Im Film wird angedeutet, dass persönliche Abneigung zur Ablehnung des Gesuchs geführt habe. Gemäss einem Artikel der NZZ soll Estermann seinen Parteigenossen einst öffentlich als «Intimfeind» bezeichnet haben. Das war allerdings – sollte es sich tatsächlich so ereignet haben – zwei Jahre nach Ablehnung des Gesuchs. Er könne sich nicht erinnern, eine solche Bezeichnung verwendet zu haben, sagt Estermann. «Ich hatte stets ein eher unverkrampftes Verhältnis zu ihm, aber vielleicht täusche ich mich.» Das Gesuch sei deshalb abgelehnt worden, weil Rózsa Steuerschulden gehabt habe. Daniela Vogt, damals SP-Mitglied der Bürgerrechtskommission, sagt allerdings, dass die Steuerschuld während des Entscheids «nicht pendent» gewesen sei: «Die Ablehnung erfolgte, weil er ein politisch aktiver Mensch war.»

Auch Konrad Löpfe, ehemaliger SP-Parteichef, ärgerte sich damals über die Gesuchsablehnung. «Das war ein klarer Fehler», sagt er heute zum TA. Den Entscheidungsträgern habe es schlicht an Mut gefehlt, einen unbequemen Zeitgenossen wie Rózsa gegenüber den Bürgerlichen zu verteidigen. So blieb Rózsa zunächst staatenlos, erhielt nun aber viel Unterstützung aus der Parteibasis. In den 90er-Jahren wurde er Präsident des Zürcher Gewerkschaftsbunds, Präsident der Journalistengewerkschaft sowie Mitglied des Schweizer Presserats. In seiner Funktion setzte er sich verschiedentlich erfolgreich für die Pressefreiheit ein.

Trotz gesellschaftlicher Rehabilitierung blieb Rózsa ein unbequemer Zeitgenosse. Ehemalige Vorsteher des Zürcher Polizeidepartements werden nach wie vor ungern an ihn erinnert. Robert Neukomm und Esther Maurer, die ehemaligen Leiter des Zürcher Polizeidepartements, wollten ebenfalls nicht im Film auftreten. Auf Anfrage des TA verweigerte Neukomm jegliche Aussage über Rózsa. Maurer liess schriftliche und telefonische Anfragen unbeantwortet.


EIN ANRUF IM LEBEN

Die Fiche des Zürcher Fotografen Klaus Rózsa, 62, zählte 4000 Seiten

Auch heute noch steht er «klar links». Ausser es geht um Israel.

Bruno Ziauddin, Das Magazin 37 / 17. September 2016

Dieses Porträt erschien in der wöchentlichen Rubrik "Ein Tag im Leben von" im Magazin des Tages-Anzeigers und kündigte gleichzeitig die Uraufführung des Films "Staatenlos - Klaus Rozsa, Fotograf" von Erich Schmid am Zürich Film Festival 2016 an. 

Foto Klaus Rózsa

Ich hatte zweimal im Leben Todesangst. Das erste Mal war vor über dreissig Jahren, als ich vor dem Ober-Gebäude von mehreren Streifenwagen abgepasst und spitalreif geprügelt wurde. Ich reichte Strafanzeige ein, und, oh Wunder, zwei der vierzehn beteiligten Polizisten wurden verurteilt. Das zweite Mal war am 4. Juli 2008. Mit dem Kapitel Polizei hatte ich damals abgeschlossen, auch an Demos ging ich kaum mehr. Einige Jahre zuvor hatte ich nämlich vor Bundesgericht einen grossen Sieg errungen: Die Richter hielten unmissverständlich fest, dass es sich ein Polizist gefallen lassen muss, wenn Journalisten ihn bei der Arbeit filmen oder fotografieren. Danach sagte ich mir: Okay, ich hatte dreissig Jahre mit dem Seich zu tun, jetzt ist gut.

An jenem 4. Juli also bin ich – rein zufällig! – in dem Moment am besetzten Hardturm-Stadion vorbeigefahren, als Polizeibeamte in das Areal eindrangen. Ich sagte zu Susann, meiner Frau: Halt an, ich muss fotografieren. Derart aggressive Polizisten habe ich noch nie gesehen: total geladen, extrem nervös, fingen sofort an, mit Gummigeschossen herumzuballern. Die zwei Schmier, mit denen ich in der Folge hauptsächlich zu tun hatte, hätten meine Kinder sein können. Und was machen die beiden? Sie sprechen mich mit Namen an! Rózsa, du Sau. Da merkte ich, dass der Hass der Polizisten auf mich von Generation zu Generation weitergegeben wird. Ich bin so brutal drangekommen, dass ich mir sagte: Fertig, ich wandere nach Ungarn aus.

Die nächsten Jahre verbrachte ich zur Hauptsache in Budapest. Erst dort habe ich angefangen, mich mit meiner jüdischen Identität zu beschäftigen. Ich bin überzeugter Atheist, war es schon als Kind. Als eine Schulkameradin bei einem Skiunfall ums Leben kam, habe ich vom Religionslehrer eine Ohrfeige kassiert, weil ich ihn fragte: Wenn es einen Gott gibt, wieso hat er zugeschaut?

Eines Tages, ich sitze in meiner Budapester Wohnung, klingelt das Telefon. Hallo, hier ist Lili, deine Cousine. Ich: Kennen wir uns? Sie: Nein, ich lebe in Tel Aviv und bin in Ungarn auf Verwandtenbesuch. Wir trafen uns in der Blauen Rose, einem Café in der Innenstadt. Ich hatte Schiss, Lili könnte streng religiös sein, mit Perücke und allem. Das Gegenteil traf zu: eine total sympathische, total normale Frau, die Schweinsfilet bestellte! Wir unterhielten uns bis in den Abend hinein.

Ein knappes Jahr später reiste ich zum ersten Mal in meinem Leben nach Israel. Es war unglaublich. Tel Aviv ist eine tolle Stadt. Am letzten Abend lud Lili mich in ein Fischrestaurant am Hafen ein. Sie erzählte, dass sie eine kleine Wohnung in Budapest kaufen möchte. Wieso?, habe ich gefragt, du hast es doch wunderschön hier. – Shelter. Das Wort, das sie gebrauchte, war Shelter. Es bedeutet Schutz, Zuflucht, Luftschutzkeller. Dann erzählte sie, wie sie seit vierzig Jahren kaum eine Nacht durchschläft. Weil sie träumt, dass eine Rakete in ihr Haus einschlägt, oder weil tatsächlich die Sirenen losgehen.

Das ist mir eingefahren. Total. Eine israelische Jüdin hält es nicht mehr in ihrer Heimat aus. Und der sichere Ort, nach dem sie sich sehnt, ist Ungarn – ein angeblich antisemitisches Land mit einem angeblich rechtsextremen Ministerpräsidenten! Orbán ist zweifelsohne ein Schafseckel. Trotzdem setzt er Dinge um – staatliche Renten, Arbeitnehmerschutz –, die bei uns von den Linken gefordert werden. Aber ich schweife ab.

Seit jener Reise bin ich ein knallharter Verteidiger Israels. Täglich verbringe ich rund zwei Stunden auf Facebook. Wenn ich Einträge von linken Antisemiten und Palästina-Verherrlichern entdecke, dann reagiere ich sofort. Ja, ja, ich bin ein impulsiver Mensch. Manchmal entschuldige ich mich im Nachhinein, wenn ich jemanden zu sehr heruntergeputzt habe. Ich finde halt: Israel hat unsere bedingungslose Solidarität verdient. Es ist ein kleines, demokratisches Land, das umzingelt ist von schäbigen Diktaturen, die es auslöschen wollen. Mein Mitgefühl mit den Palästinensern ist begrenzt. Das meiste, unter dem sie leiden, haben sie sich selbst eingebrockt.

Natürlich gibt es Dinge, die man an Israel kritisieren kann. Allerdings nicht so viele wie an der Schweiz! Ich bekomme jedes Mal Lämpe, wenn ich sage, die Schweiz sei kein Rechtsstaat. Mein Einbürgerungsgesuch wurde dreimal abgelehnt. Beim dritten Mal, 1992, hat der damalige Zürcher Stadtpräsident Josef Estermann – bekanntlich ein Sozialdemokrat – den Ablehnungsantrag persönlich unterschrieben. Zwei Jahre danach bezeichnete er mich in der NZZ als seinen «Intimfeind» – Intimfeind! Später bin ich aus der SP ausgetreten, nach 27 Jahren.

Der Regisseur Erich Schmid hat einen Dokfilm über mich gemacht. Für die Dreharbeiten brachte er Estermann und mich zusammen. Wir trafen uns im Musiksaal des Stadthauses. Estermann ist rasch sauer geworden, behauptete, sich nicht mehr an die Geschichte mit der Einbürgerung zu erinnern. Einige Tage später bekam Erich Schmid Post vom Anwalt. Unter Androhung einer Geldstrafe von 10 000 Franken wurde es ihm verboten, die Aufnahmen mit Estermann zu verwenden.

Am 24. Dezember 2000 wurde ich doch noch eingebürgert – nach 44 Jahren in der Schweiz. Obwohl ich nun mit Susann verheiratet war und von Gesetzes wegen Anrecht auf den Pass hatte, brauchte es wieder einen Anwalt. Freude verspürte ich keine mehr. Aber klar: Ich bin Schweizer durch und durch.


Tachles, Das jüdische Wochenmagazin, Zürich

Faksimile Tachles


Abendfüllender Film über Klaus Rózsa

www.kleinreport.ch, Mittwoch 18.4.2012

Dem nebst Niklaus Meienberg wohl kontroversesten Schweizer Journalisten der letzten Jahrzehnte und ganz sicher dem aufsässigsten, Klaus Rózsa, will der renommierte Buchautor und Filmer Erich Schmid einen abendfüllenden Dokumentarfilm widmen. Die Filmförderung hat zur Entwicklung des Projekts bereits Geld gesprochen; ab nächstem Jahr soll gedreht werden und 2014 soll der Film in die Kinos kommen.

Schmid, der mit «Er nannte sich Surava» (1995) und «Meier 19» (2001) bereits zweimal den erfolgreichsten Dokumentarfilm des Jahres vorgelegt hatte und dessen Porträt über Max Bill, «Bill, das absolute Augenmass» (2008), in Deutschland in 52 Städten lief und heute noch international gespielt wird, faszinieren Menschen, die aus der Norm fallen, wie er im Gespräch mit dem Klein Report erzählte: «Surava war mutiger als die anderen in gefährlicher Zeit, während des Zweiten Weltkrieges; Detektivwachtmeister Meier 19 stand weder links noch rechts, sondern einzig auf der Seite der Wahrheit; selbst Max Bill war mit seinem Kunstschaffen längst nicht immer mehrheitsfähig. Und auch Rózsa mit seinem extremen Gerechtigkeitssinn ist so eine Figur.»

Doch Gelder der öffentlichen Hand für einen Film über den Mann, der während drei Jahrzehnten nicht nur ein rotes Tuch für das Establishment war, sondern vor allem auch für das Zürcher Polizeikorps?

Erich Schmid: «Was mich interessiert, ist, wie einer derart kämpferisch sein kann. Rózsa liess ja keinen Fettnapf aus und musste dafür auch unglaublich viel einstecken. Trotzdem hat er immer durchgehalten. Bis jetzt, wo er keinen Rückhalt durch seine Ämter mehr hat und man ihn endlich an die Kandare nehmen will.»

Rund zwei Dutzend Prozesse gegen Rózsa endeten alle mit Freispruch, kürzlich wurde er erstmals, wegen Beschimpfung eines Polizisten, verurteilt. Weitere Fälle wegen ähnlicher Bagatellen sind hängig, während den von Rózsa selbst vor vier Jahren gegen Polizisten angestrengten Klagen noch nicht einmal nachgegangen wurde. Trotzdem hat Erich Schmid keinerlei Berührungsängste mit der Tabufigur Rózsa und wird das Schweizer Fernsehen, die Filmstiftung Zürich und das Bundesamt für Kultur für die Finanzierung seines Filmes angehen.

Schmid zum Klein Report: «Wenn man Rózsas Geschichte kennt, wird sie versteh- und akzeptierbar: Er war Pressefotograf in heiklen Situationen, er war Gewerkschafter, er war Präsident der Journalistenvereinigung Comedia, er ist ein Linker und er ist ein Jude. Und er stand konstant im Fadenkreuz des Staatsschutzes und der Behörden.»

Unzählige Male, erzählt Schmid im Gespräch, sei Rózsas Fotogeschäft in Zürich mit Hakenkreuzen beschmiert gewesen, musste er Buttersäureanschläge erleben, wurden seine Autopneus durchstochen, anonyme Anrufe seien an der Tagesordnung gewesen, darunter erstaunlicherweise auch einige aus der Hauptwache der Zürcher Stadtpolizei. «Dabei vergisst man leicht, dass er von Beruf nicht nur Aktivist, sondern auch Fotograf ist, ein sehr guter sogar. Er fotografierte für die grossen Nachrichtenagenturen, und seit 12. April sind seine Bilder im Wiener Museum am Karlsplatz im Rahmen der Ausstellung ´Besetzt - Kampf um Freiräume seit den 70ern´ zu sehen.»

Die Nähe zu Wien kommt nicht von ungefähr: Nach seinem Rücktritt vom Präsidium des Comedia-Sektors Medienschaffende ist der gebürtige Ungar Rózsa, der in der Schweiz trotz mehreren Versuchen nie eingebürgert wurde, nach Ungarn zurückgewandert und lebt heute in Budapest - unter eben jenem Ministerpräsidenten Viktor Orbàn, der im restlichen Europa als extrem rechts gilt! (Für Gerichtsverhandlungen kehrt Rózsa jeweils freiwillig nach Zürich zurück!)

Schmid: «Rózsa sagt mir, was allein die Polizei anbelange, so könne er sich sogar unter diesem Regime freier bewegen als in der Schweiz. Man darf dabei nicht vergessen, dass er in Zürich besonders traumatische Erlebnisse hatte. Immer wieder ist er verhaftet und zusammengeschlagen worden. Einmal hatte ihn die Polizei mit drei Streifenwagen eingekesselt, ihn aus dem Auto gezerrt und bewusstlos geschlagen. Ein Fall, der aktenkundig ist und zur Verurteilung der fehlerhaften Polizisten geführt hat.»

Ein rotes Tuch wird Rózsa trotzdem oder gerade deshalb für viele für immer bleiben. Rózsa heisst auf Ungarisch übrigens nicht «rot» - sondern «Rose»!


«Interessant ist der Film vor allem dort, wo…»

In der Wochenzeitung publizierten Klaus Rózsa als Fotograf und Erich Schmid als damaliger WoZ-Inlandredaktor während der Jahre 1986-88 gemeinsam zu den Themen Rechtsextremismus, Flüchtlinge und Sri Lanka. – Nun berichtet die WoZ auf 30 Zeilen über den Film, den Erich Schmid über Klaus Rózsa gemacht hat und der jetzt im Kino läuft. Abgesehen vom fulminanten Wortschatz («Interessant…») des von der WoZ-Redaktion von aussen herangezogenen Kritikers (Verantwortung outsourcen), ist dies die erste Kritik an einem Kinofilm von Erich Schmid, die nach den grandiosen WoZ-Verrissen der Filme «Er nannte sich Surava» (1995), «Meier 19» (2001) und «Max Bill – das absolute Augenmass» (2008) immerhin klein und neutral ist wie die gute Schweiz. – Danke!
WoZ, 6. April 2017 - Ganzer Artikel…


«Eindrückliches Porträt des Aktivisten»

Die Journalistengewerkschaft Syndicom (früher Comedia) hat Unsummen der Prozesskosten übernommen, die aus dem Kampf von Klaus Rózsa für die Pressefreiheit der Fotografen bei Polizeieinsätzen entstanden waren, weil sein Kampf stellvertretend auch ihr Kampf war. Zu den jeweiligen Prozessen marschierten Syndicom-Leute solidarisch mit Fahnen auf. Klaus Rózsas Geschichte ist auch die Geschichte von Comedia und Syndicom, denen er als Präsident vorstand. Es war deshalb enttäuschend, dass gerade die Organe, die eng mit der Geschichte von Klaus Rózsa verknüpft sind, dazu gehört auch die WoZ, in den Berichten die eigene Geschichte mit Klaus ausgeblendet hatten.
Syndicom (nis)
Dazu ein Briefwechsel...

 

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